In das Land meiner "Ahnen"

Auszüge aus "Ich bin kein Star, holt mich hier raus"

Im Jahre 2007 reiste ich mit ein paar Damen und Herren aus dem Ensemble des Lido de Paris und als deren "Meneuse", was so viel heisst wie „Leading Lady“, in verschiedene Weltmetropolen.

Eine Stadt, die unsere Wege bzw. Flüge kreuzte war Moskau. Wie aufgeregt war ich doch endlich das Land meiner erfühlten und erdachten Vorfahren zu betreten. (Es scheint Lücken in der Ahnengeschichte meiner Familie zu geben, denn nachwievor kann mir keiner mein slawisches Aussehen erklären) Und prompt werde ich auf dem Hinflug als "Landespatriotin" identifiziert und mit einer mir völlig fremden Sprache überfordert. Auch mein Kosename "Sabinushka" hilft mir da nicht weiter.

"Sorry", antworte ich auf englisch…"I don't understand a thing". Leider….denn noch überwiegt die Vorfreude das Land der Tolstois, Dostojewskis und Anna Kareninas, zu betreten.

Die Stimmung scheint generell nicht die Heiterste zu sein. Diverse Gerüchte und Ängste, denen ich nur peripher Beachtung schenke, machen sich breit. Man tauscht Geschichten und Gerüchte über die sich im Anflug befindende Stadt aus.

Ich hingegen blicke verzückt auf die Lichter der Stadt, die sich durch einen grauen Schleier hindurchbahnen.

Die Wartezeit an der Passkontrolle beträgt nicht gefühlte sondern tatsächliche 4 Stunden. Gemustert von schlecht blondierten durchaus kräftigen Damen, die an alte "Nazifilme" oder an Kolchosengenossinnen erinnern, werden wir von vorne bis hinten mit grimmigem Blick gemustert.

Ich verstehe das nicht. "Ich dachte Ihr freut Euch über die neuen Freunde aus dem Westen" "Hm…und was ist mit Gorbatschow und der Perestroika"?

Endlich sind wir durch das Prozedere der Sicherheitskontrollen durch und werden von einem Bus und einem jungen schmächtigen Reiseführer erwartet. Ein Student, der uns die gesamte Zeit begleitet und uns durchaus interessante Einblicke in seine Stadt und in sein Land genehmigt.

Eine der ersten Ansagen ist, das wir nie alleine und immer mit Pass und Flüssiggeld, wenn überhaupt, ausgehen sollten. Huch…wie bitte? Ich darf nicht alleine die Stadt erkunden und warum Pass und Geld?

Das Hotel liegt im Nirgendwo in irgendeiner dunklen Gasse. Ach was soll's, wir sind jetzt in Moskau und am gleichen Abend werden die im Dutyfreeshop ergatterten Vodkaflaschen, relativ schnell und mit vielen "Nasdorowje" geleert.

Selig schlafe ich auf meiner 1,90 x 0,80 Pritsche ein und hoffe auf Träume, die mich meinen "Ahnen" näherkommen lassen.

Der Grund unseres Aufenthaltes, ist ein einmaliger Auftritt im renommierten Hotel "Ritz Carlton" zu Ehren des Bürgermeisters und irgendwelchen Vip's der Stadt.

Unsere Truppe besteht aus 12 Damen, 4 Herren und 2 akrobatischen Acts und halt meiner Wenigkeit. Pierre, der künstlerische Direktor, sowie ein Heer aus Garderobieren runden das Bild perfekt ab.

Pierre, das Klischee eines extravaganten Pariser Revuedirektors, lässt sich keinesfalls aus der Ruhe bringen, auch wenn nachwievor die 150 Kostüme aus Paris nicht eingetroffen sind.

"Darling, I don't know, Problems at the Customs". Mit seinem herrlichen Humor, was bei einem Franzosen eher aussergewöhnlich ist, überspielt er galant ein sich anbahnendes Problem, das da heisst "Wo sind die Kostüme"?

Um es kurz zu machen….die Kostüme schienen verschwunden, mal waren sie angekommen, mal nicht, mal steckten sie am Zoll fest, mal waren sie bereits wieder auf dem Weg zurück nach Paris.

Wir reden hier nicht von gewöhnlichen Kostümen, sondern von einem Millionenfund. Prächtige Federkostüme und Kopfschmuck legendär und antik aus dem berühmtesten Cabaret dieses Welt. (Selbst Kylie Minogue leiht Selbige für ihre Tourneen aus!)Tja und die waren vom Erdboden verschwunden.

Wir proben derzeit in irgendeiner Baracke in einem Moskauer Vorort. Die uns zur Verfügung gestellten Bühnentechniker scheinen tagsüber ihr Vodkakoma auszuschlafen und waren nicht ansprechbar.(siehe Foto)

Pierre fokusiert auf die bevorstehende Show, lässt sich von den Kostüm-Gerüchten nicht aus der Ruhe bringen und ob Barracke, versoffene Techniker und sonstigen Unzulänglichkeiten, er behält seine grossartige Countenance, seine aufrechte Haltung, seinen Pariser Flair und dirigiert in strengem Ton die Proben.

Die Kolleginnen scheinen unzufrieden und hängen nervös an ihren Mobil Telefonen um die nicht vorhandene Verbindung zur Aussenwelt vielleicht doch noch zu finden."Mais non...…c'est terrible. Ein einzige Unzufriedenheit ist zu vernehmen. Und vereinzelt hört man ein "Ich will nachhause", was sich später in seinen Aussagen dramatisch steigern sollte.Unter uns ein russischer Tänzer, der versucht immer wieder zu erklären (und dass nicht ganz ohne Stolz) wie sein Land uns seine Leute so ticken.

Die Gruppe der Dresser steht etwas verloren und untätig im Raum, denn sie sind ja ihrer Arbeit durch die fehlenden Kostüme beraubt.

Der Tag des grossen Event naht und nach 4 Tagen nachwievor kein einziges Kostüm.

Tag 5 ist besagtes Event. Was nun? Ohne Kostüme, keine Show.

Pierre macht genau diese Ansage und hat mittlerweile Pariser Anwälte eingeschaltet. Trotz bislang überspielter Ruhe wird auch ihm bewusst, das diese Kostüme einen Millionenwert haben und für ein Haus wie den legendären LIDO von unschätzbarem Wert sind.

Das plausibelste Gerücht scheint das mit dem Zoll…da hängen sie fest.

Nach Pierre's Androhung die Show abzusagen, kommen nun ganz andere Herren auf den Plan.

Aufeinmal stehen riesige kastenförmig aussehende stramme dunkle Männer in unserer Garderobe. Wer sind die? Sind das Zollbeamte, irgendwelche Bodyguards oder wie befürchtet Angestellte einer korrupten Welt. Mafia!

Die Mädels stehen da halbnackt, beginnen zu weinen und jetzt platzt mir endgültig der Kragen.

Ich bäume mich wutentbrannt vor diesen Männern auf, schreie sie an, sie sollten doch gefälligst diesen Raum verlassen. Keine Regung ihrerseits. Fast werde ich handgreiflich, bevor von Kollegen festgehalten, Pierre die Situation entschärfen kann und diese Idioten endlich gehen.

Ein Raunen und eine gewisse Erleichterung liegt in der Luft, denn die Kostüme scheinen auf geheimnisvolle Weise und ganz plötzlich im Hotel angekommen zu sein. Riesige Container werden hereingeschoben und endlich kommen die Garderobieren zum Einsatz.

Die ersten Kostüme kommen zum Vorschein….was sich uns bietet ist ein Bild des Grauens.

Offensichtlich waren die Kisten geöffnet und genaustens inspiziert worden, danach der Inhalt in Schlammpfützen geschmissen….so sah es aus.

Wir stehen unter Schock! Und was vorher noch ein Wehklagen war, ist jetzt Angst.

Mir läuft es bei dem Anblick dieser verdreckten und beschmutzten Kostüme eiskalt über den Rücken, währenddessen Pierre, ebenfalls unter Schock und Tränen, im Kontakt mit Paris ist.

Es muss in Blitzschnelle entschieden werden, ob unter diesen Umständen, eine Show stattfinden kann. Pierre überlässt uns Frauen die Entscheidung, denn die Hälfte der Kostüme ist nicht einsatzfähig, was grösste Improvisation verlangen würde.

Es wird diskutiert und relativ schnell entschieden, das Event zu machen, nichtzuletzt aus einer Angst vor diesen angsteinflössenden Männern, die mich durchaus daran erinnern, das man nachwievor nach Sibirien geschickt werden könnte bzw. verschwindet oder gleich umgebracht wird.

Und so werden in Windeseile Haartrockner aller Art herbeiorganisiert, um die nassen und verdreckten Federkleider zumindest trocken zu kriegen.

Unser anfangs erwähnter Reiseführer, steht mit hängendem Kopf und beschämt an unserer Seite.

Traurig zeigt er auf einer der sehr teuren chinesischen Ming-Vasen, die im Korridor stehen und sagt. "Das ist mein Land" Ich verstehe nicht und er sagt "Schau' mal in die Vase". Und ich blicke inzwischen ebenfalls beschämt in eine im Innern verdreckte stinkende Vase. Meint er damit die Koexistenz von Kapitalismus und gleichzeitiger Unterjochung. Mafia,Diktatur und Korruption.

Es tut mir so leid für unseren Studenten, der uns durchaus auch schöne Dinge seines Landes vermitteln konnte, jedoch mit einem verbitterten und desillusionierten Timbre. Freiheit und Demokratie sind als Begriffe eher Wunschdenken und nachwievor nicht im russischen Vokabular zu finden.

Die Show beginnt und noch mit dem Föhn in der Hand um die letzten Federn zu trocken, schlüpfe ich in mein erstes Kostüm. Ich bin stolz auf meine Kolleginnen, die sich nichts anmerken lassen und in gewohnter königlicher Manie die Bühne verzaubern und das Kostüm-desaster zu überspielen wissen.

Das Finale naht und meine letzte grosse Nummer steht an.

Meine Version von „Mein Herr“ sollte, das sich schon im Drogenrausch befindene Publikum wiederbeleben. Ich spüre förmlich, wie die Stühle gerichtet werden und die Aufmerksamkeit bei mir und meiner Geschichte ist. Aus voller Seele singe ich für meinen lieben Studenten und für die vielen grauen gebeugten Gestalten auf den Strassen Moskau’s. Ich denke die Botschaft kam an und endlich ist mal kurz Ruhe im Saal, bis dann nach einer gefühlten Schweigeminute die Geräuschkulisse einer dekadenten Party wieder einsetzt

Es ist vollbracht, die Show überstanden und so packen wir schnellstens unsere Sachen zusammen, um nicht den schon wartenden Bus zu verpassen.

Am nächsten Tag der inzwischen ersehnte Rückflug nach Paris.

Nur noch eine weitere Nacht auf dieser unromantisch gewordenen Pritsche, nur einmal noch ein Frühstück, das einer Salmunellenvergiftung nahekommt, und dann diese obskuren Gestalten, die doch eher zum Geheimdienst gehören als zum Hotelpersonal.

Aber Nein…..so leicht kommen wir hier nicht weg. Am Flughafen angekommen, erfahren wir, das einige Kollegen nicht auf den Flug gebucht sind bzw. nicht mitfliegen können.

Pierre und mir ist das inzwischen egal, währenddessen sich bei den anderen Panik breitmacht. Egal, das wir zu diesen Ausgewählten bzw. Nicht-Auserwählten gehören. Irgendwie kommen wir schon zurück. Ich bin müde und Pierre inzwischen mit 3 Tage Bart, ebenso.

Und so sitzen wir da auf unseren Koffern, während Pierre anfängt alte russische Volksweisen zum Besten zu geben bzw. zu singen.

Man bleibt stehen, hört zu…und sucht nach besagtem Hut, der diesen armen Künstlern, doch Geld zukommen lassen sollte.

Ich kann mich vor Lachen kaum halten, während Pierre mit ernster und müder Miene weitersingt.

Nach 1 ständiger Wartezeit wird uns mitgeteilt, das wir Beide wenn wir wünschten, in der 1.Klassen fliegen könnten, da die Economy Class völlig ausgebucht wäre.

Noch traue ich dem Braten nicht.

Zaghaft marschieren wir an den immer noch grimmigen Sicherheitsdamen vorbei, Richtung Gangway,…sollte mich doch noch in letzter Minute einer dieser angsteinflössenden Männer vom Hotel abfangen und mich nach Sibirien verfrachten?

Pierre hingegen geht klaren Schrittes gen Flugzeug, Paris und Freiheit!


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