New York und die Clowns.....

Auszüge aus

"Ich bin kein Star holt mich hier raus"

Ich hatte das „Vergnügen“ Mitte der Neunziger Jahre mit 15 Clowns zu arbeiten. Es war mehr als ein heroischer Akt und ging weit über meine persöhnliche Schmerzensgrenze hinaus. Die Show hiess „Pomp, Duck and Circumstance“ und ich war als Sängerin und Charakter „Jessica Rabbit“ angeheuert.

Schon in der Probezeit kam es zu wahren Ausschreitungen. Es ging immer wieder um’s Gleiche. Jeder einzelne Clown wollte seine Lacher unterbringen und sah sich ständig vom Kollegen bedroht, der, und das war DAS Wort, seinen FOKUS stiehlt. Ein Regisseur nach dem Anderen gab auf und kurz vor der Premiere in New York City , wurde Michel…ehemaliger Starclown des Cirque du Soleil, mit schwersten Magengeschwüren, ins Krankenhaus eingeliefert. Somit gab es keinen Direktor mehr und ein Chaos war vorprogrammiert.

Das Ganze fand in einem "Spiegelzelt" statt, der Raum war eng und die Tische der Gäste standen auf unserer Bühne bzw. Spielraum. Eine Comedy, Cabaret,Dinner Show, mit Dramaturgie.

Das Original hatte ich Jahre zuvor in Berlin gesehen und war hellauf begeistert. 4 Stunden ununterbrochenes Lachen. Grossartige Künstler und skurrile Typen. Ein geniales Konzept.

Die Show wurde in Deutschland so erfolgreich, das ein 12 Jahres Vertrag mit MGM in Las Vegas abgeschlossen wurde. Deutschlands berühmtester Bankrotteur und dafür sass er jahrelang im Knast, war unser Produzent und holte die Show nach Amerika. Ich kann mich nicht mehr an seinen Namen erinnern…..und muss es auch nicht :)

Wir spielten ersteinmal 6 Monate in NYC.

Die New Yorker Kritiker waren dieser deutschen Show alles Andere als gut gesonnen und so wurden wir pressemässig niedergemacht.

Die Marketingabteilung hatte mich als Zugpferd mit dem Slogan „Jessica compares to Streisand with some obvious Improvements!“ auf Riesenpostern in ganz Manhattan ausgestellt. Schon heftig, sich so abgelichtet zu sehen. Diese Werbekampagne musste dann aber wieder rückgängig gemacht werden, nachdem sich der Anwalt von Barbar Streisand höchstpersönlich eingeschaltet hatte.

Das Gezanke zwischen den Clowns, die als Kellner verkleidet, ihr Unwesen trieben, hatte sich ein wenig beruhigt, denn wir wussten um den Ernst der Lage.

Es war einer der kältesten Winter in Manhattan. Der Verkehr kam zum erlegen und die New Yorker improvisierten sich mit anderen Verkehrsmitteln, wie u.a. Langlaufskiern um an die Arbeitsplätze zu gelangen.

Unser Spiegelzelt stand in „Hell’s Kitchen“ (der Name hätte nicht zutreffender sein können), ein paar Blöcke weiter vom Times Square, entfernt.Es war eine dunkle und gefährliche Gegend, so dass wir abends nur in Gruppen zum Hotel zurückzugehen wagten.

Es wurde an allem gespart, auch an den Heizungskosten. Und da unsere Garderoben in Wohnwagen untergebracht waren, war es bitterkalt. Ich sehe mich, in meinem Jessica Rabbit Outfit, durch den hohen Schnee zum Auftritt stapfen, während der Körper vor Kälte zitterte und die Lippen blau angelaufen waren. In der Küche konnte ich mich dann etwas aufwärmen, bevor es in die Clown-Hölle ging.

Meine Nummern kamen gut an und ich hatte kein Problem damit einige der Clowns in meinen Act einzuarbeiten. Viel Spass hatte ich jedoch nicht. Es war einfach anstrengend und der Teamgeist stellte sich leider nie wirklich ein. Egomanie wie sie in ihrer Dichte und Intensität kaum zu beschreiben ist.

Dazu ein sehr anstrengender Lebenspartner, der als Trapezkünstler, gut Reden hatte. Er schwebte mit seiner Kollegin über unsere Köpfe und das gemeine Fussvolk hinweg und musste sich an keine Regieanweisungen, die es eigentlich nur begrenzt gab, halten. Die akrobatischen Acts waren geschützt und separat.

Um es kurz zu machen. Schon in NY standen wir kurz vor dem Bankrott, schafften es dann aber noch mit hängender Zunge zu der Olympiade im Jahre 1996 nach Atlanta /Georgia. Dort angekommen, spielten wir gute 2 erfolglose Monate, bis das Fiasko nicht mehr aufzuhalten war. Die Produktion wurde als bankrott erklärt. Und da standen wir unbezahlt, mit ungedeckten Schecks, Mietverträgen und allem was dazu gehört, währenddessen sich das Management innerhalb eines Tages aufzulösen schien. Von einem Tag auf den Anderen waren unsere Arbeitgeber verschwunden.

Meine Clown-enttraumatisierung fand erst Jahre später, im Jahre 2010, in San Francisco statt. Das Konzept der Show war ähnlich, jedoch mit einer wesentlich kleineren Besetzung. Meine Clownphobie konnte aber nicht vollends geheilt werden, denn es gab nachwievor subtile Kämpfe um Fokus, aber kein Vergleich zu dem clownischen Wahnsinn in NY. Es ist die Sucht nach dem „Lacher“. Ich muss zugeben es kann schon zur Droge werden, Menschen zum Lachen zu bringen, es wird jedoch zum Alptraum, wenn dann keiner mehr lacht.

Das Teatro Zinzanni hatte jedoch die amerikanische Formel für „Pomp,Duck and …“ gefunden und ich sah mich in einer sehr gezähmten und gesitteten Version von dem was mal das anarchische Original war.


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